Hinter den Kulissen haben sich die Raumfahrtagenturen in den vergangenen Monaten auf einen weitreichenden Deal geeinigt. Die Europäische Weltraumorganisation ESA liefert entscheidende Technik für das amerikanische Mondprogramm Artemis – und erhält im Gegenzug begehrte Plätze für Astronauten auf Missionen in die Mondumlaufbahn und später auf die Oberfläche. Nun verdichtet sich das Bild, wer aus Frankreich als erster diesen Traum leben könnte.
Europa wird unverzichtbarer Partner bei den neuen Mondmissionen
Während das Apollo-Programm damals fast ausschließlich eine amerikanische Angelegenheit war, läuft Artemis als echte internationale Kooperation. Europa spielt dabei eine Schlüsselrolle. Ohne europäische Hardware käme die neue Mondkapsel Orion gar nicht bis in die Nähe des Mondes.
Kern dieses Beitrags ist das sogenannte European Service Module (ESM). Dieses Servicemodul sitzt am Heck von Orion und liefert:
- den Hauptantrieb für Kurskorrekturen und Einbremsen im Mondorbit,
- Stromversorgung über große Solarpaneele,
- Kühlung und Temperaturregelung für die gesamte Kapsel,
- Lagerung von Treibstoff, Wasser und weiteren Verbrauchsstoffen.
Ohne das europäische Servicemodul ESM erreicht Orion die Mondumlaufbahn nicht – Europa ist technisch unverzichtbar für diese Mission.
Zusätzlich baut die ESA zwei wesentliche Bausteine für die künftige Mondraumstation Gateway: das Wohnmodul I-Hab und das Versorgungsmodul Esprit. Politisch betrachtet kauft sich Europa damit in die Missionen ein. Fachleute sprechen von einem „barter“-System, also einem präzise gerechneten Tausch: Hardware und Geld gegen garantierte Sitzplätze im Raumschiff.
Das Ergebnis dieses Deals: Drei Fluggelegenheiten für ESA-Astronauten zur Gateway gelten als sicher. Und damit wächst die Chance, dass ein Europäer – und sehr wahrscheinlich ein Franzose – bald auch die Mondoberfläche betreten wird.
Warum ein Franzose die besten Karten hat
Die Frage, wer diesen historischen Schritt für Europa ausführt, ist alles andere als romantische Träumerei. Für die ersten bemannten Artemis-Flüge gelten extrem harte Auswahlkriterien. Diese Missionen gelten als die komplexesten und riskantesten seit dem Ende der Apollo-Ära 1972.
Gesucht werden in erster Linie Veteranen mit:
- Langzeiterfahrung im All, idealerweise auf der ISS,
- nachgewiesener Führungsstärke im Orbitbetrieb,
- solider Ingenieurs- und Systemkenntnis der Raumfahrzeuge,
- hervorragender körperlicher Belastbarkeit.
Die neue Astronautengeneration der ESA – darunter die Französin Sophie Adenot – spielt langfristig eine wichtige Rolle. Für die ersten Mondumläufe und die Anfangsphase der Gateway-Station brauchen NASA und ESA aber Personen, die sich schon mehrfach in kritischen Situationen bewährt haben.
Alle Blicke richten sich auf Thomas Pesquet
In dieser engen Auswahl sticht ein Name klar hervor: Thomas Pesquet. Der 46-jährige ehemalige Air-France-Pilot hat bereits zwei Langzeitmissionen auf der Internationalen Raumstation ISS absolviert. Während seiner Alpha-Mission übernahm er sogar zeitweise das Kommando über die gesamte Station – ein starkes Signal für Vertrauen und Führungsverantwortung.
Pesquet bringt mehrere Eigenschaften mit, die ihn zum logischen Kandidaten machen:
- zwei Langzeiteinsätze im Orbit mit Hunderten Stunden Außenbordeinsätzen und Robotik-Operationen,
- ausgezeichnete Zusammenarbeit mit NASA-Teams während seiner ISS-Missionen,
- große Popularität in Europa, was politische Unterstützung erleichtert,
- Sprach- und Medienkompetenz, die bei einem Jahrhundertprojekt enorm wertvoll ist.
Vieles spricht dafür, dass Thomas Pesquet als erster Franzose und womöglich erster Europäer den Mond erreichen wird.
Offiziell halten sich sowohl die ESA als auch die französische Raumfahrtagentur CNES noch bedeckt. In internen Planungen und Ausbildungsprogrammen deutet aber vieles auf seinen Namen hin. Führungsposten werden oft lange im Voraus vorbereitet, und genau dort bewegt sich Pesquet längst.
Der Artemis-Fahrplan: Wann könnte der Flug stattfinden?
Der Zeitplan von Artemis bleibt eine Großbaustelle. Sowohl die Schwerlastrakete SLS als auch das Starship-System, das als Mondlandefähre dienen soll, kämpfen mit technischen Verzögerungen. Trotzdem liegt ein grober Ablauf auf dem Tisch, der sich so lesen lässt:
| Artemis II | Artemis III | Artemis IV | Artemis V |
|---|---|---|---|
| Erster bemannter Flug um den Mond | Erster neuer bemannter Mondlandung am Südpol | Transport und Montage des I-Hab-Moduls an Gateway | Intensive Oberflächenmission mit Rover |
| 4 Astronauten (USA/Kanada) | 4 Astronauten (voraussichtlich nur NASA) | 4 Astronauten (Mischbesatzung NASA/ESA) | 4 Astronauten (Mischbesatzung NASA/ESA) |
| Bereitstellung des ESM-Servicemoduls | Technischer Support aus dem Orbit | Lieferung und Inbetriebnahme von I-Hab | Mögliche Teilnahme an Oberflächenforschung |
| Ende 2025 / 2026 | 2026 / 2027 | 2028 | 2030 |
Für den ersten europäischen Flug mit Aussicht auf direkten Mondbezug gilt Artemis IV als aussichtsreichste Mission. Der Auftrag: I-Hab an die Gateway-Station bringen, andocken und in Betrieb nehmen. Genau dieses Modul stammt aus Europa – politisch drängt sich daher ein ESA-Astronaut für den Flug auf.
Artemis IV im Jahr 2028 gilt als wahrscheinlichstes Zeitfenster für den ersten europäischen Astronauten direkt am Mond.
In Köln, am Europäischen Astronautenzentrum, laufen bereits Trainingsanteile, die auf Mondoperationen ausgerichtet sind: Rendezvous-Manöver im Mondorbit, Abläufe an Bord von Gateway, Notfallprozeduren mit begrenzter Funkverbindung zur Erde. Solche Szenarien werden zuerst mit jenen Astronauten geübt, die realistische Chancen auf die frühen Flüge haben.
Was Gateway und I-Hab für die Mondpläne bedeuten
Gateway ist keine klassische Raumstation wie die ISS. Sie soll in einer stark elliptischen Umlaufbahn um den Mond kreisen. Mal wird sie dem Mond relativ nahe kommen, mal weit entfernt sein. Der Vorteil: Energiesparende Zugangsfenster und flexible Anflugbahnen für Landefähren.
Das europäische I-Hab-Modul ist der Wohn- und Arbeitsbereich für die Besatzung. Darin befinden sich:
- Schlafkabinen für mehrere Astronauten an Bord,
- Arbeitsplätze für Forschung und Systemüberwachung im Einsatz,
- Lebenserhaltungssysteme, die Luft, Wasser und Temperatur steuern,
- Andockpunkte für weitere Module und Landefähren im Betrieb.
Wer als ESA-Astronaut für Artemis IV ausgewählt wird, trägt die Verantwortung, dieses Modul erstmals in eine reale Missionsumgebung zu bringen. Fehler verzeiht das System kaum, denn Gateway soll über Jahre als „Zwischenbahnhof“ für wiederholte Mondlandungen dienen.
Risiken, Chancen und was die Mission so heikel macht
Ein Flug in die Mondumlaufbahn ist deutlich gefährlicher als ein ISS-Besuch. Die Entfernung zur Erde ist fast tausendmal größer als üblich. Hilfe- oder Rettungsmissionen stehen damit praktisch nicht zur Verfügung. Auch die Strahlenbelastung steigt, weil der Schutz des Erdmagnetfeldes wegfällt.
Die Astronauten müssen auf Folgendes vorbereitet sein:
- lange Kommunikationsverzögerungen mit der Bodenstation auf der Erde,
- komplexe Rendezvous-Manöver im schwierigen Mondorbitbereich,
- höhere Strahlendosen, für die spezielle Schutzkonzepte nötig sind,
- extrem enge Platzverhältnisse über viele Tage.
Dafür eröffnet Artemis enorme Chancen für Wissenschaft und Technik in Europa. Unternehmen aus Deutschland, Frankreich und anderen ESA-Ländern liefern Komponenten, Software und Bodeninfrastruktur. Junge Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiten erstmals in ihrer Karriere an einem Programm, dessen Ziel nicht „nur“ der Erdorbit ist, sondern ein anderer Himmelskörper im Fokus steht.
Wie sich das für Europa und den Alltag auf der Erde auszahlen kann
Große Raumfahrtprogramme haben in der Vergangenheit zahlreiche Technologien hervorgebracht, die später im Alltag landeten – von verbesserten Solarmodulen bis zu besseren Sensoren in der Medizintechnik. Beim Artemis-Programm arbeiten viele Firmen an neuen Werkstoffen, an effizienteren Antrieben und Systemen, an Energie- und Wasserkreisläufen, die fast vollständig wiederverwendbar sind.
Gerade für Europa kann dies bedeuten:
- stärkere Nachfrage nach Hochtechnologie „Made in EU“,
- mehr hochqualifizierte Jobs in Luft- und Raumfahrt,
- Impuls für Start-ups im Bereich Robotik, Satellitendaten und AI-basierter Missionsplanung.
Begriffe wie „Mondorbit“, „Gateway“ oder „Servicemodul“ klingen auf den ersten Blick fern vom Alltag. Am Ende stecken dahinter aber Technologien, die auch auf der Erde Nutzen bringen: effizientere Energiesysteme, robustere Kommunikationsnetze, bessere Navigation. Wenn also in wenigen Jahren ein französischer Astronaut den Mond erreicht, hängt an diesem Moment weit mehr als nur ein Flaggenfoto – es ist ein Testlauf für die technologische Zukunft Europas.








